Dienstag, 29. Juni 2010

Maus

Maus von Art Spiegelman ist kein Reportagecomic im eigentlichen Sinne. Wegen seiner Bedeutung für das Genre und aufgrund der Tatsache, dass es ein nicht-fiktionaler Comic ist (der immerhin mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde), werde ich mich trotzdem mit ihm beschäftigen.
Maus erzählt die Geschichte von Art Spiegelmans Vater, der als ponischer Jude den Holocaust überlebt hat und nach dem Krieg in die USA auswanderte. Spiegelman verwendet dabei mehrere Zeitebenen. Zum einen, um von den Erlebnissen seines Vaters im 3. Reich zu erzählen, und zum anderen, um ein Bild von der Gegenwart zu zeigen, in der sein Vater ein vom Holocaust schwer gezeichneter alter Mann ist.

Die Tatsache, dass Spiegelman auch die Gegenwart zeigt, von seinen langen Gesprächen mit seinem Vater berichtet und auch seine eigenen Gedanken und Reaktionen fest hält, ist sicherlich ein Grund dafür, dass das Buch so authentisch und glaubwürdig wirkt. Ein Anderer ist die Distanz, die der Autor zum Erzählten wahrt. Er versucht nicht, die objektive Wahrheit über den Holocaust zu vermitteln, sondern berichtet bewusst von den Erinnerungen eines Überlebenden. Dies wird sowohl inhaltlich als auch formal deutlich gemacht.
Die eben erwähnte Distanz zeigt sich natürlich auch in der Tiermetapher, die seinem Buch zugrunde liegt: Die Juden sind Mäuse, die Deutschen sind Katzen, die Amerikaner sind Hunde etc. Auf diese Weise ist es ihm möglich, das Grauen des Holocaust für den Betrachter erträglich zu machen. Natürlich sind einige Bilder grausam und schockierend. Aber eben nicht so sehr, dass der Betrachter den Blick abzuwenden und schnell weiterblättern muss. Dies ist keineswegs eine Verharmlosung, sondern vielmehr ein Weg für Spiegelman, überhaupt etwas über den Holocaust erzählen zu können. Um so stärker ist die Wirkung des einzigen Fotos, des Spiegelman gegen Ende des Comics eingebaut hat.

Trotz der Tiermetapher wirken die Bilder niemals wie ein Witz. Es ist erstaunlich, wie Spiegelman mit einfachen zeichnerischen Mitteln eine Fülle von glaubhaften Emotionen auf die simplen Tiergesichter seiner Protagonisten zaubern kann.
Bis vor kurzem habe ich mir Comics hauptsächlich gekauft, um Inspirationen für meine eigenen Zeichnungen zu finden. Ich habe mir nur Comics gekauft, deren Zeichenstil mich auf den ersten Blick beeindruckt hat, ohne Rücksicht auf die Story. Deshalb habe ich auch lange Zeit Maus ignoriert. Nachdem ich es jetzt aber durchgelesen habe muss ich sagen: Es ist der mit Abstand beste Comic, den ich je gelesen habe. Auch wegen den Zeichnungen.

Spiegelman, A., Brinck, C., & Joffe, J. (2008). Maus: Die Geschichte eines Überlebenden. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.

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